19. November 2020

Nebel auf dem Piz Buin

Ende Juli 2005 bin ich mit meinen Wanderfreunden in Galtür verabredet. Wir wollen den Piz Buin (3312 m) besteigen und am nächsten Tag zur Jamtalhütte wandern. Von dort aus erreichen wir dann wieder Galtür. Deshalb lassen die anderen ihre Autos hier stehen. Nach dem ersten Begrüßungshallo ist Materialausgabe. Das Equiptment haben Michi und Franz, die Bergführer von Hydroalpin mitgebracht. Nachdem jeder gletschertauglich ausgerüstet ist, zwängen wir uns in den Kleinbus von Franz und fahren zur Bieler Höhe weiter. Wir das sind Karl und Claudia, Martina, ihr Sohn Johannes und ich. Kurz hinter Galtür fahren wir in den Nebel hinein und was jetzt noch keiner weiß: der bleibt uns mehr oder weniger treu bis zum übernächsten Tag …



Am Parkplatz Bieler Höhe treffen wir trotz arger Sichtbehinderung durch Nebelschwaden Susanne und Marianne, die ihr Auto hier oben am Stausee geparkt haben. Ohne uns lange aufzuhalten, denn es ist kalt und ungemütlich, wandern wir um den See herum Richtung Wiesbadener Hütte. Da mein Rucksack mal wieder zu voll gepackt ist, muss ich beim nun folgenden Anstieg ganz schön keuchen. Und wieder nehme ich mir vor das nächste Mal weniger einzupacken und schreibe im Geiste schon meine ultimative Minimalausrüstungsliste. Der weitere Aufstieg zur Hütte ist unspektakulär. Wir sind vollauf damit beschäftigt uns auf den neuesten Wissensstand zu bringen, denn wir haben uns ja vor einem Jahr das letzte Mal gesehen. Es ist ein ordentliches Geschnatter während wir der Hütte immer näher kommen. Dort angekommen werden wir von Uli und Hans-Werner in Empfang genommen, die sich bereits auf der Hütte einquartiert haben. Sie sind schon einige Tage im Montafon von Hütte zu Hütte gewandert. Der Nachmittag lädt eigentlich zum Relaxen ein aber wir nutzen die Zeit sinnvoll und üben Knoten: Sackstich und Achter gesteckt und ungesteckt, Halbmastwurf, Mastwurf …

Nebel beim Abstieg

An der Buinlücke ohne Aussicht auf Aussicht.

Um 6 Uhr wird gefrühstückt und um kurz vor 7 machen wir uns hoffnungsfroh auf den Weg in Richtung Piz Buin. Zunächst geht es über Moränengelände bis zum Gletscher. Im unteren Bereich gehen wir über Blankeis. Später dann heißt es durch den Schnee stapfen. Wir steigen auf bis zum Wiesbadener Grätl. Hier ist erstmal Schluß. Ein kletterbarer Weg muss gesucht werden. Die zwei Gruppen (Franz mit Uli und Hans-Werner, Martina und Johannes, Marianne; Michi mit Susanne, Karl, Claudia, Andrea) versuchen verschiedene Wege. Nach Überwindung des Grätl betreten wir den nächsten Gletscher. Der weitere Weg führt zur Buinlücke zwischen kleinem und großen Piz Buin. Dann wechseln wir wieder auf Geröll, das sich bei jedem Schritt in Bewegung befindet. Da heißt es zügig voranschreiten, sonst gewinnt man nicht an Höhe, da man mit dem Geröll hinabrutscht. Dieses anstrengende Gelände ist glücklicher Weise nach einer viertel Stunde überwunden und nun geht es weiter bergauf an der Gipfelpyramide. Nach einem kurzen Kletterstück mit ziemlichem Tiefblick erreichen wir den Gipfel gegen 12 Uhr. Gemeinsam mit einer anderen 20-köpfigen Wandergruppe genießen wir die nicht vorhandene Aussicht, denn der Nebel weigert sich auch nur kurzfristig Durchblicke zu gewähren. Die andere Gruppe verläßt bald den trostlosen Ort so das wir den Gipfel dann wenigstens für uns haben. Nach kurzer Jause und ein paar Gipfelfotos steigen wir ab. Nun gibts noch ein wenig Nieselregen gratis dazu. Durch den Regen werden die Steine glatt und wir müssen beim Abstieg doppelt aufpassen. An der Buinlücke schlüpfen wir wieder in unsere Steigeisen und marschieren in totalem Weiß (Nebel und Schnee) bis zum Gletscherbruch. Dieser empfängt uns mit Blankeis und ordentlich vielen Spalten. Das Gelände wird immer steiler. Nach dem kontemplativen Marschieren auf dem fast ebenen oberen Teil des Gletschers ist nun Konzentration gefragt, denn es müssen diverse Spalten übersprungen werden. Das Eis schillert in allen nur erdenklichen Türkistönen und hat die bizarrsten Formen angenommen. Am Ostrand des Gletscher wechseln wir in Moränengelände und wandern zurück zur Hütte. Franz, Susanne und Marianne steigen am Nachmittag ab. Wir anderen wollen morgen auf den Ochsenkopf und dann rüber zur Jamtalhütte wechseln. Beim Abendbrot werden schon Pläne für die nächste Tour im nächsten Jahr geschmiedet …

Piz Buin am Morgen

Der Piz Buin am nächsten Morgen.

Um 6 Uhr morgens am Montag zeigt sich der Berg in voller Schönheit, bestrahlt von der aufgehenden Sonne. Heute soll es auf den Ochsenkopf (3057 m) gehen und das mit vollem Rucksack: stöhn! Nach leckerem Frühstück steigen wir gemütlich auf zur Tiroler Scharte (2935 m). Am Gletscherrand legen wir unser „Geschmeide“ wieder an und marschieren dann aber erstmal ohne Seil weiter über das Eis. An der Tiroler Scharte angekommen legen wir die Rucksäcke ab und erklimmen so erleichtert in einer halben Stunde den Ochsenkopf. Claudia und Karl bleiben an der Scharte zurück. Heute ist die Aussicht einmalig und wir machen viele schöne Fotos, vor allem auch vom Piz Buin. Damit Claudia und Karl nicht solange warten müssen, steigen wir bald wieder zur Scharte ab und vespern dort bei schönstem Sonnenschein. Das schöne Wetter verdanken wir dem Fön und da dieser ja unberechenbar ist, geht es dann auch bald weiter bergab Richtung Jamtalhütte. Nun gehen wir am Seil, denn es treten immer mehr Spalten auf. Nach kurzer Zeit gelangen wir an den Gletscherbruch. Im Gegensatz zum Wegverlauf in Michis etwas älterer Karte geht es hier nicht mehr weiter. Das Eis ist zu steil. Wir müssen uns weiter östlich einen Weg über den Gletscher suchen. Also erstmal wieder bergauf stapfen und um eine Felsnase herum die Seite wechseln. Hier geht es leichter, denn der Gletscher ist hier nicht so steil. Nach einer Weile passierten wir eine große Gletschermühle mit ca. 2 m Durchmesser. Wie weit dieses Loch in den Gletscher hineinreicht ist nicht zu erkennen. Am unteren Ende des Gletschers wird es nochmal steiler und der Gletscher ist überseht mit Geröll und Steinen. Wir sind froh die Steigeisen dann endlich abzulegen. Nun erwartet uns eine gemütliche Wanderung durch das Jamtal. Rechts und links des Weges stehen Unmengen an verschiedenen Bergblumen, die in allen möglichen Farben leuchten. Gegen 14 Uhr erreichen wir die Hütte. Es herrscht ordentlich Betrieb: Tagesgäste und Hüttenwanderer belegen die besten Plätze im Gastgarten. Die Hütte selber ist mehr ein Hotel: riesengroß mit Kletterhalle und Schulungsraum. Auch der Gastraum ist riesig sodass keine rechte Gemütlichkeit aufkommen will. Nach dem gemeinsamen Mahl fahren Michi, Claudia und Karl mit dem Hüttenwirt nach Galtür. Wir restlichen (Uli, Hans-Werner, Martina, Johannes und ich) bleiben noch bis morgen auf der Hütte um den Hausberg zu besteigen und dann nach Galtür zurückzukehren. Am Abend besuchen wir noch einen interessanten Vortrag über die Geschichte des Silvrettagebietes. Der Hüttenwirt erzählt Spannendes aus der Geschichte der Jamtalhütte.

An der Tiroler Scharte

Kleine Pause an der Tiroler Scharte.

Gegen halb 7 wachen wir auf und stellen fest: das Wetter ist schlecht. Es regnet und es ist kalt. Also erstmal Kaffee trinken. Nach dem Frühstück hat der Regen aufgehört und die Wolken sind über die höchsten Berge gestiegen. Wir beschließen auf den westlichen Gamskopf zu steigen. Johannes hält die Stellung auf der Hütte. Dank des flotten Tempos von Hans-Werner schaffen wir die 800 hm in 1 Stunde und 35 Minuten. Auf dem Gipfel ist es zwar windig und kalt aber die Aussicht entschädigt für das ungemütliche Klima. Beim Abstieg werden wieder viele Blumen fotografiert. Am Wegesrand begegnen wir so manchem Salamander. Nach kurzer Rast mit Nahrungsaufnahme auf der Hütte treten wir den 2 stündigen Abstieg auf breiter Schotterstraße nach Galtür an. Das zieht sich ordentlich hin. Wohl dem, der in unterhaltsamer Begleitung unterwegs ist so wie wir. In Galtür sind Hans-Werner und Uli in den Bus zur Bieler Höhe gestiegen und Martina hat mich netter Weise zum Bahnhof in Landeck im Auto mitgenommen. So konnte ich flott nach Rietz zurückfahren. Dort hat mich mein Wanderfreund Frieder abgeholt und wir sind zur Lagebesprechung ins Eiscafé gegangen: am Freitag wollen wir wenn das Wetter passt die Hohe Munde (2662 m) erklimmen.

Auf dem Weg zur Jamtalhütte

Auf dem Weg zur Jamtalhütte.